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Ehrenamt – positiver Wertewandel

Gesellschaft Mehr als 23 Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich, Tendenz steigend. Politiker werten das als Ausdruck einer vitalen Zivilgesellschaft, Sozialforscher hingegen sehen in diesem Phänomen auch ein Zeichen für einen Wertewandel im positiven Sinne
Ehrenamt: Trend zum neuen Miteinander  Foto: Lisa F. Young © iStockphoto
Wenn von Wertewandel die Rede ist, lauert sein böser Bruder Werteverfall meist schon an der nächsten Ecke. Dass dieser Kulturpessimismus falsch ist, beweisen Forschungs- und Erfahrungsberichte zum Thema Bürgerschaftliches Engagement. Freiwillig Engagierte – das sind Jugendtrainer, Feuerwehrleute, Eltern, Helfer in sozialen und kirchlichen Einrichtungen, bei Kultur- und Freizeitvereinen und in vielen anderen Bereichen. 36 Prozent aller Bürger engagieren sich freiwillig, stellte der Freiwilligensurvey 2004 fest – eine Steigerung um zwei Prozent gegenüber 1999. Auch 2009 deutet vieles auf eine erneute Steigerung hin. Kein Wunder, dass der Staat die Freiwilligen als wichtige Stütze des Systems ausgemacht hat und mit Kampagnen wie Die Gesellschafter fördert. Doch woher kommt der Trend zum neuen Miteinander?

Hilfsbereite Egoisten

Massives Interesse des Staates am bürgerschaftlichen Engagement  Foto: Sergiy Goruppa © iStockphoto„Hilfsbereite Egoisten“ nennt Horst Opaschowski, Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg, diese Menschen und sieht „eine Art kalkulierte Hilfsbereitschaft“. „Es kommt zu Gemeinschaften, die auf Gegenseitigkeit beruhen und nicht auf Nächstenliebe.“, beschreibt er seine Beobachtungen in einem Interview mit der Zeit. Damit macht er auf einen neuen Motivationskern aufmerksam: Früher engagierten sich Menschen aus einem inneren Pflichtgefühl heraus, wie etwa dem biblischen Gebot der Nächstenliebe. Heute stehen das Erleben eines Gemeinschaftsgefühls und soziale Bestätigung im Vordergrund.

Hier setzt auch das massive Interesse des Staates am bürgerschaftlichen Engagement an. Der Wandel von Werten und Motivationen in der Bevölkerung passt hervorragend zum Ausgleich öffentlicher Defizite. Ende der 1990er-Jahre wurde erstmals darüber debattiert, dass der Staat auf Dauer die wachsenden Bedürfnisse in Kultur, Freizeit und sozialer Betreuung nicht mehr allein befriedigen kann. Als Beispiel musste meist der Fußballtrainer herhalten. Jungs, so die Logik, die mehrmals in der Woche zum Balltraining gehen und das Gemeinschaftsgefühl einer Mannschaft erleben, bekommen gesellschaftliche Normen und Werte quasi spielerisch vermittelt. Niemand kann aber Tausende hauptamtliche Fußballtrainer bezahlen, also müssen Eltern oder ältere Brüder motiviert werden.

Kein Ehrenamt ohne Hauptamt

Wer sich freiwillig einbringt, will einen Sinn in seiner Tätigkeit erkennen  Foto: Sean Locke © iStockphoto„Ohne Ehrenamtler könnten wir einen Großteil unserer Angebote gar nicht aufrecht erhalten“, beschreibt Susann Hempel vom soziokulturellen Zentrum Arthur in Chemnitz ihre Erfahrungen mit den freiwillig Engagierten. Die Erziehungswissenschaftlerin ist Koordinatorin für zahlreiche Kinder- und Jugendprojekte und betreut die ehrenamtlichen Mitarbeiter im Verein. „Wir haben bis zu 30 Leute, die bei Festen, Ferienangeboten oder Theaterprojekten unentgeltlich mitwirken. Diese Menschen erwarten zurecht einen reibungslosen Ablauf und klar definierte Aufgabenbereiche. Das aber erfordert einen hohen Organisations- und Betreuungsaufwand durch die hauptamtlichen Mitarbeiter.“ Wichtig ist auch die Anerkennung. „Ein Danke muss selbstverständlich sein, aber viele erwarten auch einfach ein offenes Ohr. Sie wollen Teil dieser Gemeinschaft sein und nicht nur ihren Dienst ableisten. Wir können mit vier festangestellten Mitarbeitern dieses Bedürfnis hoffentlich gut befriedigen. Kleinere Vereine dürften da aber an ihre Grenzen stoßen.“

Ergo: Wer sich freiwillig einbringt, will einen Sinn in seiner Tätigkeit erkennen. Kann ein Verein diesen Wunsch aus strukturellen Gründen nicht einlösen, wird er es schwer haben im Kampf um das Heer der Hilfsbereiten. So stellte der „Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland“ des Bundesfamilienministeriums jüngst fest, dass „einige zivilgesellschaftliche Organisationen eher von Stagnation oder zurückgehender Engagementbereitschaft berichten.“ Neben strukturellen Defiziten erkennen die Verfasser zudem einen Mode-Aspekt: So war ein Engagement im Umwelt- und Naturschutz in den 1990ern noch en vogue, mittlerweile suchen gerade kleinere Verbände händeringend nach Mitstreitern. Ein anderer Grund kann auch die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise sein.

Krise als Wachstumsbremse?

Ein Wertewandel, der Hoffnung macht  Foto: Nancy Nehring © iStockphotoZeit für einen freiwilligen Dienst an der Gemeinschaft zu haben, kann auch ein Ausdruck für Wohlstand sein. Wer um sein täglich Brot kämpft, wird nicht noch für die Armenküche sammeln gehen. Sozialforscher sind sich daher uneins, ob der momentane Konjunktureinbruch zu einem stärkeren Miteinander führt oder eher den Prozess der Individualisierung beschleunigt. Empirische Daten hierzu sind noch rar. Doch eine Zahl kann beispielhaft für eine positive Entwicklung stehen: Im Herbst 2009 vermelden die Träger des Freiwilligen Sozialen bzw. Ökologischen Jahres eine Rekordbeteiligung. Rund 37.500 junge Menschen haben sich für den Freiwilligendienst im In- und Ausland entschieden, 4.500 mehr als 2006. Diese Zahl unterstützt eine weitere These von Professor Opaschowski: „Als Pionier sehe ich die jüngere Generation. Ich nenne sie auch ‚Generation V‘, weil sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, was den Deutschen insgesamt am wichtigsten ist: Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit.“ Drei Kategorien also, die keinesfalls auf einen Verfall von Werten hindeuten. Im Gegenteil: Die Zivilgesellschaft lebt, und mit ihr ein Wertewandel, der Hoffnung macht.

Lars Neuenfeld
lebt und arbeitet als Journalist in Chemnitz.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

Ehrenamt – positiver Wertewandel

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